Der Verfolgungsindex zeigt die Welt aus einer anderen Perspektive. Er lenkt den Blick auf Länder, in denen ein Gottesdienstbesuch zur Gefahr werden kann, wo Christen wie Staatsfeinde geächtet werden oder ein Glaubenswechsel als Verbrechen gilt. Doch der Index vermittelt noch eine andere Botschaft – dass nämlich selbst in hochgradig christenfeindlichen Staaten wie Nordkorea Christen im Verborgenen an ihrem Glauben festhalten. Wir nennen diese heimlichen Gläubigen in vielen Ländern "Untergrundchristen". Open Doors unterstützt sie mit einer Reihe von Projekten. Doch wie sieht dieser Glaube im Untergrund praktisch aus? Zum Schutz der Christen können wir nicht zu jedem Land Einzelheiten preisgeben. Die nachfolgenden authentischen Beispiele sollen jedoch einige Einblicke geben.
Im ostafrikanischen Somalia - an sich schon ein streng islamisch geprägtes Land - treiben radikale Kämpfer der islamistischen Gruppe "Al Shabaab" ihr Unwesen. Sie terrorisieren Land und Leute, um das Land zu einem noch strengeren islamischen Gottesstaat zu machen. Ihr Ziel ist eine radikale Anwendung des Scharia-Rechtes. Werden Christen muslimischer Herkunft, also ehemalige Muslime, von ihnen entdeckt, gleicht das einem Todesurteil. Allein im vergangenen Jahr wurden mindestens vier Christen regelrecht hingerichtet. Doch in diesem Klima aus Terror und Gewalt wagen es einheimische Christen dennoch, sich zu treffen. Die wenigen Momente der Gemeinschaft sind für sie wie Kraftquellen in einer Welt, in der sie als Feinde gelten. (Symbolfotos Open Doors)
Jeder Hinweis wird vernichtet
Irgendwo in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Einzeln betreten die Männer und Frauen das unscheinbare Haus. Über Mund zu Mund Propaganda, Handynachrichten oder versteckte Botschaften hat man sich verabredet. Die Begrüßung ist herzlich, man umarmt sich. "Wie geht es der Familie, dem Haus, dem Vieh?" Sobald jeder einen Platz gefunden hat, öffnet der Leiter dieser kleinen Hausgemeinde ein zusammengefaltetes Stück Papier. Das abgegriffene Blatt könnte ihn das Leben kosten. Er beginnt vorzulesen. Den Text hat er von einer christlichen Internetseite ausgedruckt. Es ist ein Bibeltext mit Erklärungen und Anwendungen für das persönliche Glaubensleben. Das Internet ist heute in vielen Ländern nahezu die einzige Informationsquelle für Christen im Untergrund. Open Doors unterstützt eine Reihe solcher Web-Programme. Obwohl einige Mitglieder dieser somalischen Gemeinde eine Bibel besitzen, lassen sie sie lieber daheim - versteckt in einem Erdloch oder einer geheimen Nische im Haus. (Radikale Muslime zerstörten das Haus in Somalia, als sie erfuhren, dass es dort Bibeln und christliche Literatur gab. Foto: Open Doors)
Wer ist Freund, wer Feind
Von Zeit zu Zeit kommen auch neue Christen zu den Treffen. Doch der Weg dahin ist gepflastert mit Sicherheitsvorkehrungen und viel Gebet um Weisheit, gutes Urteilsvermögen und Bewahrung. Denn die Gefahr ist groß, einen Spitzel ins Haus zu holen. Telefonnummern lernt man auswendig. Jeder Hinweis auf eine Verbindung wird vernichtet. So schützt man die anderen Geschwister, sollte jemand entdeckt werden. Der somalische Christ Musa Mohammed Yusuf zahlte für den Mut, seinen Gemeindeleiter nicht ans Messer von Al Shabaab-Kämpfern zu liefern, einen hohen Preis. Seine Söhne, elf und zwölf Jahre alt, wurden dafür verschleppt und enthauptet.
Jeden Tag Gebet
Das Treffen der kleinen Mogadischuer Gemeinde geht zu Ende. Diese besondere Gemeinschaft ist ihnen nur selten vergönnt. Höchstens drei Stunden bleibt man zusammen. Dann verlässt jeder in Abständen, möglichst unauffällig das Haus. Auch Abdi* weiß, wie schwierig es ist, in Somalia einen Christen zu finden. Als er noch Muslim war, sprach er mit seinem Onkel oft stundenlang über Gott und die Welt. Einmal gab ihm sein Onkel einen Zettel mit handgeschriebenen Bibelversen und bat Abdi, es zu studieren. "Er erzählte mir auch von Jesus und dem christlichen Glauben", erinnert sich Abdi. "Doch mein Onkel schärfte mir ein, dies alles unbedingt für mich zu behalten." Einige Zeit später bekehrte sich Abdi zu Jesus. Sein Onkel war der einzige Christ, den Abdi bis dahin kannte. Dann verstarb der Onkel. Als Verwandte das Haus ausräumten, entdeckten sie die christlichen Bücher. Abdis Geheimnis wurde dabei gelüftet. Er war in großer Gefahr und tauchte unter. "Dann machte ich mich auf eine lange Suche nach anderen Christen", erzählt er. Doch wo sollte er beginnen? Es gab kein Gemeindeverzeichnis, kein sichtbares Kirchengebäude. "Doch Gott sandte mir einen Mann", erinnert er sich. Eines Tages sah er Nishan* auf der Straße. Der war offensichtlich geistig verwirrt, denn lauthals predigte er auf den Plätzen der Stadt von Jesus und christlichen Werten. Da er als geistesgestört galt, ließ ihn die Polizei in Ruhe. Passanten schüttelten den Kopf und gingen weiter. Eines Abends folgte Abdi ihm in ein kleines Haus. "Ich gehöre zu deiner Familie", erklärte er. Der Mann blieb stumm, hielt die Fassade des Irren aufrecht. Erst nach etlichen Versuchen, kamen sie ins Gespräch. Nishan fasste Vertrauen und die Männer wurden Freunde. Gemeinsam bauten sie in den folgenden Jahren ein Netzwerk aus Christen muslimischer Herkunft auf. Menschen, die wie Abdi auf der Suche nach Glaubensgeschwistern waren, fanden eine geistliche Heimat. Doch eines Tages kam die traurige Nachricht: Nishan ist tot. Seine Enthauptung trug die Handschrift der Al Shabaab Miliz. (Symbolfoto Open Doors)
Party für Jesus
Abdi und Nishans Geschichte könnten tausende "Untergrundchristen" in ähnlicher Weise erzählen. "Wir versammeln uns ständig an anderen Orten oder im Freien", erzählte ein Pastor aus Usbekistan. "Dann sitzen wir um einen Tisch herum, als würden wir uns einfach als Freunde treffen – falls es eine Razzia gibt." In Nordkorea sitzen gelegentlich zwei Christen wie Fremde nebeneinander auf einer Parkbank. Sie reden kaum miteinander. Doch in einem unbeobachteten Moment tauschen sie auswendig gelernte Bibelverse oder Gebetsanliegen aus. In Afghanistan ist für Jamil* eine Autofahrt von Kundus nach Kabul wie eine Bibelstunde. Sobald er die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hat, legt er eine CD ein und feiert Gottesdienst. Laufen die Radiosendungen von "Kirche daheim" wird sein Auto zur rollenden Gemeinde. Jamil fühlt sich glücklich und frei. Doch andererseits gibt es Christen in vielen Ländern, die fern von jeglicher Gemeinschaft leben müssen. Ihnen bleibt nur, Jesus in ihren Herzen anzubeten. Sie und viele Millionen verfolgter Christen brauchen jeden Tag unser Gebet.
*Name geändert
Christenverfolgung weltweit: Lesen Sie weitere Lebensberichte unter "Gesichter der Verfolgung" zum Weltverfolgungsindex 2012..
Gesichter der Verfolgung