Mann im Gefängnis
 

Nach dem Massaker - Vergeben, um Frieden zu finden

"Vergessen ist nicht genug. Wenn wir nicht vergeben, wird das schlechte Gefühl jeder Zeit wiederkommen. Aber wenn wir vergeben, sind wir wirklich befreit"

BERICHT

Jos, die Hauptstadt des zentralnigerianischen Bundesstaates Plateau, war Ende November 2008 Schauplatz brutaler Gewalt gegen Christen durch extremistische Muslime. Über 100 Christen wurden ermordet, zahlreiche Kirchen und Häuser verwüstet. Die Gemeinden stehen vor großen Herausforderungen. Das internationale Hilfswerk für verfolgte Christen Open Doors unterstützt die vielen Witwen und deren  Kinder und ruft zu Hilfe und Gebet für sie auf.

Nigeria: Grab von Pastor Bulus TsetuJedes Mal, wenn Jemima Bulus Setu aus dem Fenster sieht, wird sie an den wohl schlimmsten Tag ihres Lebens erinnert. Dann blickt sie auf das schlichte Grab ihres Mannes, den extremistische Muslime Ende des vorigen Jahres brutal ermordeten. "Wie jeden Morgen saßen wir zusammen und lasen die Bibel, als wir den Rauch am Himmel bemerkten", erzählt sie Mitarbeitern von Open Doors Deutschland, die sie wenige Monate danach in ihrem Haus in Jos besuchten. Aufgeregte Nachbarn sprachen von Unruhen in der Stadt. Ihr Mann Bulus, Bezirkssuperintendent der Assemblies of God-Kirche in Jos/Rikkos, wollte in der Stadt noch etwas erledigen und eilte los. Ein Freund berichtete Jemima, Gruppen von jungen Muslimen würden durch die Straßen ziehen, Christen ermorden und Häuser und Kirchen anzünden. Bulus gelang es, seine Frau anzurufen: "Lauft schnell zur Polizeikaserne und bleibt dort", sagte er, dann war die Leitung tot. Es sollten seine letzten Worte an Jemima sein. Mehrere Männer verfolgten ihn. In der Nähe seiner Kirche erwischten sie ihn, töteten ihn und zündeten seinen Leichnam an. Während sie vom Tod ihres Mannes erzählt, hält Jemima eine Plastiktüte mit halbverkohlten Geldscheinen und Ausweisen in ihren Händen. Es ist der Rest von Bulus’ Brieftasche. Auf dem Wohnzimmertisch vor ihr liegen Bibel und Andachtsbuch und Schlaftabletten.

Wie viele andere Witwen berichten Nigeria: Witwe Jemima Bulus Tsetuwerden, kann auch sie schlecht einschlafen und hat Alpträume. "Ich habe einen wunderbaren Mann verloren. Er war wirklich ein Mann Gottes", sagt sie traurig. Ähnlich klingen die Berichte anderer Witwen von Jos. Bulus war Jemimas zweiter Mann; ihren ersten haben Muslime vor sieben Jahren ebenfalls bei Ausschreitungen getötet. Sie bleibt zurück mit elf Kindern. Die Witwen leiden nun wirtschaftliche Not. Wie Essen, Kleidung, Miete oder Schulgeld bezahlen? Manche haben kein Dach mehr über dem Kopf und leben bei Verwandten.

Hilfsdienste für verfolgte Christen in Nigeria

Projekte   

Geplanter Angriff
Innerhalb von zwei Tagen – am 28. und 29. November 2008 – starben in überwiegend muslimischen Vierteln von Jos, der Hauptstadt des Plateau-State, 129 Christen, darunter fünf Pastoren. 56 Kirchen wurden von muslimischen Extremisten geplündert, verwüstet oder angezündet. Zahlreiche Häuser in dicht bebauten Wohnvierteln sind nun unbewohnbar. Die Feuer griffen häufig auch auf Häuser muslimischer Nachbarn über. Über 30.000 Menschen flüchteten in provisorische Flüchtlingscamps oder zu Verwandten. 209 Muslime sollen getötet worden sein, die meisten bei Schusswechseln mit der Polizei. Weltweit meldeten die Agenturen, der Gewaltausbruch sei politisch motiviert, weil Muslime Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen witterten. Ein Wahlsieg der "People’s Democratic Party" mit weitgehend christlicher Anhängerschaft zeichnete sich ab.

Nigeria: Regionalleiter der Christian Association of Nigeria (CAN) für Jos, Ben NasaraDer Regionalleiter der Christian Association of Nigeria (CAN) für Jos, Ben Nasara (Foto), sieht das anders.  Die Wahlen seien ein Vorwand gewesen, um Jos von Christen zu säubern. "Die Ausschreitungen waren eindeutig geplant. Wir waren überhaupt nicht vorbereitet. Die Unruhen richteten sich ganz klar gegen Christen, kein einziger Politiker wurde umgebracht", sagte er, "Wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen. Die Extremisten werden nicht eher ruhen, bis sie Plateau unter Kontrolle haben."

Vormarsch-Strategie
Der Plateau-State liegt an der Grenze zwischen dem christlichen Süden und dem muslimischen Norden Nigerias. Nach Aussagen von Kirchenleitern liegt der Ursprung der religiös motivierten Gewalt gegen Christen in der weltweiten Vormarsch-Strategie der Islamisten. Durch hohe Geburtenraten und eine stetige Zuwanderung greifen sie auch nach Plateau und dessen überwiegend christlicher Hauptstadt Jos, die mit 860.000 Einwohnern in den Norden hineinragt. Aber auch mit Gewalt wollen sie den Staat dem Islam unterwerfen. Dafür kamen Söldner aus dem Norden und anderen islamischen Ländern nach Jos, die in Gruppen durch die Straßen zogen und junge Muslime aufwiegelten, Christen niedermetzelten. Im Gepäck hatten sie Autoladungen von Waffen, wie Augenzeugen berichten. 

Nigeria: Christen feiern Gottesdienst auf Fundament ihrer zerstörten KircheMissbrauchtes Vertrauen
An der Basis, im Alltag lebten beide Religionsgruppen in Jos durchaus friedlich miteinander. Christen kauften in den Läden muslimischer Händler ein, bei Hochzeiten verschenkten Kirchen Essen an die muslimische Nachbarschaft. Moscheen und Kirchen können in Jos gleichermaßen gebaut werden, christliche soziale Einrichtungen stehen jedem offen. Während der Unruhen Ende des vorigen Jahres intervenierten mutige muslimische Nachbarn, Muslimas warfen fliehenden Christinnen schnell einen Hidschab* über und versteckten sie. Doch viele sahen weg. "Sie haben unser Vertrauen missbraucht", sagt Pastor John Kisa von der Evangelischen Kirche von Westafrika (ECWA) aus Tudun Wada/Jos. "Wir versuchen, ihnen die Liebe Jesu Christi zu zeigen; geben ihnen Land und heißen sie in unseren Häusern willkommen. Sie dürfen ihre  Religion praktizieren, sogar politische Ämter habe sie inne. Aber nun haben sie sich gegen uns gewandt; haben der Welt erzählt, wir würden sie hassen. Gott kennt unsere Liebe für sie und selbst jetzt wollen wir sie lieben, denn sie sind Geschöpfe Gottes. Wir müssen für sie beten."

Nicht eingeschüchtert
Bereits vor acht  Jahren, September 2001, gingen Islamisten gegen Christen in Jos vor. Bei tagelangen Angriffs- und Vergeltungsschlägen kamen zwischen 2000 und 3000 Menschen um. Es war eines der blutigsten Massaker in der Geschichte der ethnisch-religiösen Konflikte in Nigeria. "Doch wir ließen uns nicht einschüchtern", sagte Pastor Yakubu Pam Jahre danach. Gott gab den Christen neuen Mut. "Wer früher nur auf dem Papier Christ war, ist jetzt bereit, sich ganz auf Jesus einzulassen." Viele Muslime bekehrten sich und innerhalb kürzester Zeit verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder in seiner Kirche. Ähnliches berichten andere Kirchenleiter. Einige Gemeinden feiern heute in den Überresten ihrer Kirchengebäude Gottesdienste. Weil sie kein Geld für den Wiederaufbau haben, spannen sie in der Regenzeit Planen über die Grundmauern. Gleichzeitig wirken gerade diese Versammlungen wie eine unmissverständliche Proklamation der Kraft Jesu und des Ausharrens seiner Gemeinde. Vormals von Christen bewohnte Straßenzüge in muslimischen Wohnvierteln wirken jedoch wie ausgestorben. Auch hier fehlen Mittel für Steine, Mörtel oder Möbel, um zerstörten Wohnraum wieder aufzubauen. Und zudem ist da schlichtweg die Angst vor neuen Unruhen. Also beginnen sie, ihre Häuser an Muslime zu verkaufen und ziehen wie Vertriebene zu Verwandten.

Kein Stein geworfen Nigeria: niedergebrannte Häuser
Inmitten eines der fünf muslimisch dominierten Viertel von Jos steht die First Baptist Church. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat der 65-jährige Pastor David Ogunlowo sein Büro. Von dort sieht man die hohen Türme die Minaretts der nahen Moschee, die über dem Kirchendach in den Himmel ragen. Auch die Baptistenkirche wurden mit Brandsätzen beworfen. Sicherheitskräfte konnten den Pastor, der sich im Gebäude befand, vor Schlimmeren retten. Einer der Angreifer habe einen Stadtplan mit markierten Stellen in der Hand gehalten, "sie kannten uns und wussten genau, auf wen sie es abgesehen hatten", erzählt er. 96 Häuser von Gemeindemitgliedern wurden niedergebrannt, drei Christen getötet, einer von ihnen verbrannte in seinem Auto. "Doch niemand von uns ist danach hingegangen und hat nur einen Stein auf die Moschee geworfen", sagt Pastor David.

Mehr Gottesdienstbesucher Nigeria: Gottesdienst unter freiem Himmel auf dem Fundament einer niedergebrannten Kirche
Wie haben sich die Unruhen auf das Kirchenleben ausgewirkt? "Das ist erstaunlich", so Pastor David. Den ersten Gottesdienst nach dem Anschlag hätten nur wenige besucht. Zu tief saßen das Trauma und die Angst vor weiteren Übergriffen. "Doch danach kamen vielmehr als zuvor. Ich kann nicht sagen, warum, wir haben unser Programm nicht geändert." Die Vision der First Baptist Church in Jos ist es, "Seelen zu gewinnen" mit der Verkündigung des Evangeliums und eine starke Gemeinde Jesu zu sein – und zu bleiben. Sonntag für Sonntag ermutigt Pastor David seine Gemeinde und spricht von Vergebung. "Wir wollen wirklich vergeben, doch das braucht Zeit. Wahre, gelebte Vergebung ist ein Prozess." Eine halbe Stunde nach unserem Gespräch wird er mit drei Muslimen zusammensitzen und um ein friedliches Miteinander ringen. Im Vertrauen auf die Gerechtigkeit Gottes zu leben, ist eine große Herausforderung. Denn die Stimmung ist besonders unter den Jugendlichen angespannt. Ein anderer Pastor zitierte Jesu Worte: "Wenn dich einer auf eine Wange schlägt, halte die andere hin". Aber das sei schwer. Immer wieder würden sie angegriffen und alles verlieren. Manche sagen ganz offen: Genug ist genug! Zorn und Frustration sind eine explosive Mischung.

Nigeria: ein verletzter Christ liest im Krankenbett eine BibelVergeben, um Frieden zu finden
Damit es nicht zu dieser Explosion kommt, braucht die bedrängte Kirche in Jos, wie im ganzen Plateau-State, den Beistand des weltweiten Leibes Jesu.  Schon wenige Tage nach der jüngsten Gewalt stand ein Open Doors-Team jenen bei, die noch keine Hilfe erhalten hatten. Mitarbeiter besuchten Verletzte im Krankenhaus, verschenkten Hunderte von Bibeln und brachten Witwen und deren Kindern Lebensmittel- und Kleiderspenden oder gaben Pakete mit Studienbibeln, Lexika und theologischen Schriften an Pastoren und Evangelisten, die alles verloren haben. In Traumakursen lernen Pastoren, wie sie ihren Gemeindemitgliedern seelsorgerlich beistehen können. "Als wir mit Christen, Witwen und entmutigten Pastoren beteten, haben sie aufgemerkt und festgestellt, dass sie nicht allein sind“, sagt Open Doors Mitarbeiter Isaack*, dessen Haus ebenfalls niedergebrannt wurde. "Es wird Zeit brauchen, bis sie ihren Blick auf Jesus allein richten und den Mördern ihrer Männer vergeben können. Wir helfen ihnen dabei."

Vergessen ist nicht genug Nigeria: Witwen bei einem Seminar über Vergebung
Besonders die Witwen brauchen diese Hilfe für ihren Alltag, die Erziehung der Kinder und auf ihrem Weg, den Mördern ihrer Männer vergeben zu können. Sie sind geschwächt durch den Verlust des einzigen Versorgers, den Kindern fehlt ihr Vater, Gemeinden sind hirtenlos oder haben keine Versammlungsstätte mehr. "Vergessen ist nicht genug. Wenn wir nicht vergeben, wird das schlechte Gefühl jeder Zeit wiederkommen. Aber wenn wir vergeben, sind wir wirklich befreit", sagte die Witwe Kemi Adetorna während eines Open Doors-Ermutigungstreffen. Etwa 50 Witwen unterschiedlicher Kirchen versammelten sich dazu vier Monate nach den jüngsten Unruhen in der Evangelischen Kirche Westafrikas (ECWA). Open Doors-Öffentlichkeitsreferenten, die deutschlandweit zu Vorträgen über die weltweite Christenverfolgung von Kirchen eingeladen werden, beteten mit den Frauen. Die Witwen studierten Bibelverse über Vergebung und  teilten erlebtes Leid. Am Ende sprachen sie darüber, was sie aus dem Bibelstudium in ihren Alltag mitnehmen. „Gott gibt uns Frieden“, ist eine Witwe überzeugt. – „Ich habe nicht die Kraft zu vergeben, aber Jesus kann sie mir geben“, so eine andere. Und das sie dankbar seien, dass ausländische Glaubensgeschwister sie besucht haben. „Bitte erzählt unsere Geschichten weiter, denn dadurch fühlen wir uns Wert geschätzt und nicht vergessen.“, appelliert eine Witwe.

Weltweite Gebetskampagne Logo Gebetskampagne

Mit einem feinen und gefestigten Glauben bittet auch Jemima Bulus Setu um Gebet. Sie leitet den Frauendienst in ihrer Kirche und will ihren Weg treu mit dem Blick auf Jesus gehen. Die Lebensmittelhilfe, Ermutigungskarten von Gemeinden aus Deutschland und die Zusicherung, für sie zu beten, helfen ihr dabei, sagt sie. Doch es ist noch viel zu tun, um Kirchen wieder aufzubauen und den betroffenen Familien eine neue Existenzgrundlage zu geben. Hier bittet Open Doors um die Mithilfe von Christen in Deutschland. Im September vorigen Jahres startete das über 50-jährige Werk weltweit die Gebets- und Hilfskampagne "Gefährlicher Glaube" für Christen in der islamischen Welt. Derzeit beten über 550 Beter aus dem deutschsprachigen Raum für zehn Minuten pro Woche für Glaubensgeschwister wie Jemima Bulus Setu. Die Zusicherung, dass der weltweite Leib Christi ihrer Leiden gedenkt, rührte die Witwe zu Tränen. "Ich suchte nach Worten, um euch für die Hilfe zu danken, aber es gelang mir nicht", sagt sie, "Mein Gebet ist, dass all jene, die uns helfen, niemals enttäuscht werden."

* Hidschab, islamischer Ganzkörperschleier für Frauen

Nigeria-Nord: Bedrängte Christen
Nigeria: Karte von NigeriaQuer durch Nigeria verläuft eine Linie. Keine zwar, die auf einer Landkarte eingezeichnet, aber das Land grob in zwei Hälften teilt: in den überwiegend christlichen Süden und den überwiegend muslimischen Norden. In der größten Nation Afrikas mit rund 148 Millionen Einwohnern ist gut die Hälfte christlich. Den Islam brachten vor dem Christentum vom Norden her arabische Händlern über die Karawanenstraßen in die Sahelzone. Die christlichen Missionare kamen mit den britischen Kolonialherren vom Süden.

Heute ist der Norden Nigerias zu einem Synonym für Fanatismus und archaische Rückständigkeit geworden, seit zwölf der nördlichen Bundesstaaten vor einigen Jahren das islamische Recht (Scharia) eingeführt haben. In diesen Staaten stehen die Glaubensgeschwister Verfolgung und Diskriminierung gegenüber. Die Christen dort haben gelernt, vor Gericht, in der Schule, bei der Arbeit oder in der Gesellschaft keine faire Behandlung zu erwarten. In muslimischen Krankenhäusern werden sie abgewiesen, wenn bekannt wird, dass sie Nicht-Muslime sind. Viele haben den Norden aus Angst verlassen haben. Bibeln, christliche Literatur oder Studienmaterialien sind kaum zu bekommen. Die kauft man in Jos oder im Süden des Landes. Gemeinden, die der Verfolgung trotzen und in ihrer Heimat Zeugen Jesu sein wollen, stehen vor großen Herausforderungen.

Nigeria: eine von Open Doors mit Partnern erbaute Schule in NordnigeriaDrei christliche Krankenhäuser hat Open Doors gemeinsam mit einheimischen Gemeinden eröffnet und mehrere christliche Schulen, zudem können sich Pastoren und Gemeindeleiter in Schulungen auf die Herausforderungen der Kirche inmitten eines feindlichen Umfeldes vorbereiten.

 

 

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