Der Islam gilt als elementarer Bestandteil türkischer Identität. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört ihm an. Auch wenn in der Türkei offiziell Religionsfreiheit gilt und das Land seit 1955 Mitglied der Europäischen Menschenrechtskonvention ist, haben in der Praxis religiöse Minderheiten wie die Christen keine Rechte.
Die türkische Republik wurde als säkularer Staat gegründet. Doch Christen erfahren verschiedene Formen der Diskriminierung. Staatliche Einschränkungen der Religionsfreiheit haben ihren Ursprung in der Interpretation der säkularen Verfassung und der Gesetze des Landes, die tendenziell gegen nicht-muslimische Minderheiten gerichtet sind. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen der offiziellen Auslegung der säkularen Gesetzgebung und den inoffiziellen Praktiken durch staatliche Stellen, Polizeibeamte und Richter. Staatliche Beschränkungen, gesellschaftliche Feindseligkeiten und Nationalismus sind Ursachen für die Verletzung der Religionsfreiheit in der Türkei und führen auch zu Menschenrechtsverletzungen (Verbrechen aus Hass, unfaire Behandlung vor Gericht, Diskriminierung usw.).
Der traditionell säkulare Staat hat sich unter Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und Präsident Abdullah Gül (beide Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, AKP) in den vergangenen Jahren mehr zu einem am Islam orientierten Staat entwickelt. Als die Türkei aktiv über ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Union verhandelte, führte das Land eine Reihe von Reformen ein. Diese trugen anfangs zu einer wachsenden religiösen Toleranz und zum Schutz von Minderheiten bei. Die Morde von drei Christen in Malatya (Osttürkei) im Jahr 2007 schadeten dem Ansehen der Türkei auf internationalem Parkett. Der Prozess gegen die Täter läuft noch immer, ohne Aussicht auf ein rasches Ende. Die notwendigen Reformen wurden nicht vollendet bzw. in die Praxis umgesetzt. Trotz einiger Verbesserungen hat es das Land nicht geschafft, die Diskriminierung von Christen auszumerzen.
Nur die armenische und die griechisch-orthodoxe Kirche werden von der Regierung offiziell anerkannt. Es ist zu erwarten, dass die Unterdrückung von Christen fortgesetzt wird. Die rechtliche und gesellschaftliche Stellung christlicher Minderheiten hat sich nicht verbessert.
Stimmungsmache
Heute leben nur noch schätzungsweise 100.000 Christen in der Türkei. Sie gehören zu armenischen, syrisch-orthodoxen, (chaldäisch)-katholischen oder griechisch-orthodoxen Kirchen bzw. zu protestantischen Gemeinden. Zudem gibt es noch deutschsprachige katholische und evangelische Gemeinden.
Engagierte Christen und Gemeinden gelten in weiten Teilen der Gesellschaft als "feindliche Agenten", die die Nation unterwandern wollen und gegen den Staat arbeiten. Hass gegen Christen wird besonders von Nationalisten geschürt, die auch vor Angriffen oder der Ermordung von Christen nicht zurückschrecken. Doch auch Politiker und Medien schüren eine feindliche Stimmung. Berichten von Kirchenvertretern zufolge werden Christen als Kriminelle und Verräter hingestellt. Immer wieder werden türkische Christen vor Gericht gestellt und wegen aller möglichen Vergehen verurteilt.
Kirchenbau nicht möglich
Kirchen können keine Rechtsgeschäfte abschließen, etwa Kirchen bauen oder Grundstücke dafür erwerben, wenn sie nicht als Kulturvereine oder Stiftungen anerkannt sind. Diese Anerkennung ist an strenge und nur schwer zu erfüllende Kriterien gebunden. Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen für ausländische Christen werden nicht erteilt. Auch Eigentum, etwa Räume für Gottesdienste, kann nur beschränkt erworben werden. Die Priesterseminare sind vom Staat geschlossen worden. Kirchen dürfen weder Schulen, Sozialeinrichtungen oder theologische Ausbildungsstätten betreiben noch besitzen.
Eine Bibelübersetzung ins moderne Türkisch ist seit Jahren erhältlich. Druck und Vertrieb von Bibeln und christlicher Literatur in Kirchen ist erlaubt; ihre offene Weitergabe jedoch führt zu Problemen.
Christen, die sich aufgrund ihrer religiösen Haltung für andere engagieren, werden gelegentlich von Regierungsvertretern und Staatsbeamten bedroht oder bedrängt. Die Weitergabe von Glaubenslehren durch nicht-muslimische religiöse Gruppen ist gesellschaftlich inakzeptabel und manchmal gefährlich. Bei manchen Gottesdiensten sind Polizisten vor der Kirche anwesend, um Kirchgänger zu schützen, aber auch, um die Aktivitäten der Christen zu beobachten. Dieser "Schutz" ist jedoch unregelmäßig, und von Zeit zu Zeit werden kirchliche Immobilien verwüstet.
Ausgrenzung von Konvertiten
Muslimische Türken, die sich für den christlichen Glauben interessieren, werden häufig Opfer von Diskriminierung durch ihre Familien. In einer Gesellschaft wie der türkischen gilt der Religionswechsel eines Familienmitgliedes mancherorts noch als Verletzung der Familienehre. Viele Christen muslimischer Herkunft werden enterbt oder aus dem Familienverband verbannt und ausgestoßen. Ihnen droht auch der Arbeitsplatzverlust.
Die Regierung verhält sich passiv im Blick auf diese Arten der Diskriminierung. Einige registrierte Gemeinden dürfen Gottesdienste organisieren. In der Öffentlichkeit zu predigen, ist gestattet, doch riskieren diese Prediger, von der Polizei und türkischen Nationalisten drangsaliert zu werden.
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