Unter der despotischen Herrschaft von Muammar al-Gaddafi war die Situation für Christen in dem nordafrikanischen Land bereits außerordentlich hart. Es gab einige Freiheiten für ausländische Christen, zumeist Gastarbeiter aus afrikanischen Nachbarländern. Schwarz-Afrikaner und nicht-arabische Afrikaner erlebten Rassismus. Nach dem Umsturz in Libyen wurde die Lage für diese Menschen gefährlich, da sie als mögliche Söldner Gaddafis im Kampf gegen die Opposition angesehen wurden.
Unter Gaddafis Herrschaft hatte Libyen keine Verfassung, die die Religionsfreiheit geregelt oder geschützt hätte. Es gab das "Grüne Buch" der Rechtsvorschriften, ein Werk Muammar al-Gaddafis. Darin wurden die Regierungsform und soziale Ordnung aus islamischer Sicht geregelt. In der Praxis war es Gaddafis Gesetz. Die gefürchtete und allgegenwärtige Geheimpolizei sorgte dafür, dass die Restriktionen für die Organisation kirchlicher Aktivitäten sowie die Weitergabe christlicher Literatur durchgesetzt wurden. Die Weitergabe des christlichen Glaubens an muslimische Libyer wurde kriminalisiert.
Glaubenswechsel nicht geduldet
Der Islam durchdringt alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens. Wie in den meisten islamisch geprägten Ländern führt der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion für Konvertiten auch in Libyen häufig zu gesellschaftlichem Druck. Christen muslimischer Herkunft stehen immer in Gefahr, vonseiten ihrer Familien verfolgt zu werden. Es wurden einige Fälle bekannt, bei denen Christen von Familienmitgliedern verprügelt wurden.
Die meisten libyschen Christen fürchten sich, mit anderen Christen zusammenzukommen, da jede Art von religiöser Versammlung - außer islamischen - verboten ist. Im Jahr 2011 hat man vielen Gemeinden von Ausländern die Genehmigung entzogen. Mindestens zwei Christen wurden inhaftiert und möglicherweise gefoltert. Aus dem Gefängnis entlassene Christen werden im Allgemeinen des Landes verwiesen.
Düstere Aussichten für Christen
Die Aufstände in den Nachbarländern Ägypten und Tunesien sowie die militärische Unterstützung durch die NATO ermutigten das libysche Volk gegen Gaddafi zu kämpfen, der seit 1969 an der Macht war. Aber nach einem blutigen Bürgerkrieg ist zu befürchten, dass die Zukunft schlimmer sein wird als unter Gaddafi. Während der Aufstände, die im Februar 2011 begannen, waren Christen offener im Bekenntnis zu ihrem Glauben. Nun fürchten sie die Folgen ihres Bekennermutes. Aufgrund der Unruhen haben 75 Prozent der ausländischen Christen das Land verlassen. Unklar ist, wie viele Christen im Land verblieben sind oder zurückkehren werden.
Der Nationale Übergangsrat (NTC) hat nach Monaten der Kämpfe die Macht übernommen. Seine Absichten hinsichtlich der Religionsfreiheit hat er bereits enthüllt, indem er einen gefährlichen Präzedenzfall schuf. Unter seiner Aufsicht wurde bei der Einnahme von Tripolis die Saint-Georges-Kirche geplündert. Zudem sind zwei Christen wegen der Einfuhr christlicher Bücher vom NTC festgehalten worden. Es ist zu erwarten, dass der NTC das islamische Recht (Scharia) einführt und Libyen ein viel stärker islamisch ausgerichtetes Land wird. Der erste NTC-Präsident verkündete öffentlich eine "Demokratie gemäß der Scharia". Diese Entwicklung würde die Stellung der Christen in Libyen noch weiter einschränken.
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