Obwohl die Staatsverfassung das Recht zur freien Religionsausübung vorsieht, ist eine Vielzahl indischer Christen seit Jahren Angriffen gewalttätiger Hindu-Extremisten ausgesetzt. Außerdem wird ihre Religionsfreiheit in einigen Bundesstaaten durch Antibekehrungsgesetze beschnitten. Christen werden von militanten Hindu-Milizen bedroht. Obwohl die Mehrheit der Christen in Indien weiterhin relativ frei ihren Glauben leben kann, gehen in vielen Landesteilen Hindu-Extremisten gegen Christen vor. Sie formieren sich besonders in den ländlichen Gebieten neu und gründen Schulen zur Weitergabe ihrer Ideologie. Selbst gut ausgebildete Führer wollen den Hinduismus zu einer viel weniger toleranten Religion machen.
Pastor Richard Howell, Generalsekretär der Evangelischen Allianz Indien, zufolge, "sehen sich Christen in Indien weiterhin der schlimmsten Verfolgung in Indien gegenüber, die es je gab". Christen richten sich auf einen Anstieg der Verfolgung ein. Die Angriffe gegen Christen oder Kirchen erfolgen in der Regel durch Banden, die von extremistischen Hindu-Organisationen beeinflusst und mobilisiert werden. Sie folgen der "Hindutva"-Ideologie, der zufolge jeder Inder Hindu zu sein hat. Allen Minderheiten stehen ihre Anhänger feindselig und hasserfüllt gegenüber. "Der sich wie ein Virus verbreitende Hindu-Extremismus ist heute die größte Bedrohung der Kirche in Indien", sagte im August 2011 ein Gemeindeleiter in Delhi. Ortsverwaltungen und Polizei stellen sind oft nicht unparteiisch und stellen sich nicht selten auf die Seite der Täter.
Antibekehrungsgesetze
Inzwischen sind in mehreren Bundesstaaten, in welchen hindu-nationalistische Parteien in der Regierung vertreten sind, sogenannte Antibekehrungsgesetze verabschiedet worden. Sie sollen Übertritte von Hindus zu anderen Religionen verhindern. Die Gesetze bedrohen Menschen, die vom Hinduismus zu einer anderen Religion wie etwa dem Christentum übertreten. Mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe können demnach "Bekehrungsaktivitäten" geahndet werden. Allerdings werden die Gesetze nur auf Personen angewendet, die vom Hinduismus zu einer anderen Religion wechseln. Wer zum Hinduismus übertritt, bleibt von einer möglichen Bestrafung unberührt.
Anti-Konversionsgesetze gelten in Orissa, Madhya Pradesh, Chhattisgarh und Gujarat sowie in Himachal Pradesh, wo allerdings der Oberste Gerichtshof des Staates die Frage zur Gültigkeit aufgeworfen hat. Arunachal Pradesh und Rajasthan haben diese Gesetze zwar bereits beschlossen, planen aber noch die Umsetzung.
Religionswechsel muss Behörden gemeldet werden
Anti-Bekehrungsgesetze werden vor allem als Vorwand missbraucht, sozial und missionarisch aktive Christen zu drangsalieren. Die Gesetze verlangen, dass Behörden der Religionswechsel eines Hindus gemeldet wird. Bei Unterlassung können sowohl der Konvertit als auch Geistliche mit einer Geldstrafe belegt oder inhaftiert werden. In einigen Bundesstaaten ist ein angestrebter Religionswechsel zuvor behördlich zu genehmigen.
Schikane und Willkür
Auf diese Gesetze beruft man sich völlig willkürlich. Nahezu wöchentlich werden Christen in vielen Teilen Indiens beschuldigt, "Bekehrungen erzwungen" zu haben. Diese Anschuldigung wird regelmäßig von Angriffen auf die körperliche Unversehrtheit von Christen und/oder das Eigentum (Mobiliar, Bibeln, Gesangbücher etc.) der Gläubigen begleitet.
Polizisten nehmen die Anschuldigungen meist zum Anlass, die Christen ungeprüft erst einmal zu verhaften und zum Polizeirevier mitzunehmen. Häufig werden dort Ermittlungen gegen sie eingeleitet, obwohl diese angegriffen wurden. Christliche Hilfswerke und Menschenrechtsorganisationen bestätigen, dass die Formulierung der Antibekehrungsgesetze es Hindu-Extremisten leicht macht, Christen falsch zu beschuldigen und anzuzeigen. So könne bereits jede christliche Sozialarbeit unter Menschen eines anderen Glaubens als "Verlockung" bezeichnet werden.
Hindupartei forciert Rückbekehrungszeremonien
Unter "Zwang" verstehen die Antibekehrungsgesetze u. a. die "Drohung mit dem göttlichen Unwillen", wodurch jede christliche Schrift verboten werden könnte, in welcher von Himmel und Hölle sowie den Folgen der Sünde und der Ablehnung Christi die Rede ist. Hindu-Extremisten wie die Anhänger der nationalistischen Organisation "Rashtriya Swayamsevak Sangh" (RSS) halten "Rückbekehrungs"- oder "Heimkehr"-Zeremonien ab, um Christen zum erneuten Religionswechsel zu bringen. Die Bekehrung zum Hinduismus wird anders behandelt als die zum Christentum, obwohl laut indischer Verfassung alle Religionen gleich zu behandeln sind.
In den Bundesstaaten, die von hindu-nationalistischen Parteien wie der BJP (Bharatiya Janata Party) oder ihren politischen Verbündeten kontrolliert werden, hat die Gewalt gegen Christen in den vergangenen Jahren zugenommen. Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass die nationalistischen Parteien der Ideologie der sogenannten "Hindutva" anhängen: Jeder Inder hat nach dieser Ideologie ein Hindu zu sein, allen Minderheiten steht man feindselig und hasserfüllt gegenüber. Christen sind nach dieser Ideologie besonders verletzlich. Besorgniserregend ist außerdem, dass sich die Verfolgung und Diskriminierung zunehmend in die südlichen Bundesstaaten Indiens verlagert, die bisher als für Christen frei galten.
Gesellschaftliche Diskriminierung
Ein Auslöser für Übergriffe ist das unverminderte Wachstum christlicher Gemeinde. Besonders aus den unteren Gesellschaftsschichten bzw. unter den Dalits (Unberührbaren) kommen viele Menschen zum Glauben an Jesus. Die Gemeinde Jesu in Indien wächst beträchtlich. Nach offiziellen Angaben gibt es 2,3 Prozent Christen unter den mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern. Doch nach Einschätzungen von Open Doors könnte die Zahl bei fünf Prozent liegen – über 70 Millionen Christen. Christen geraten aufgrund von Beschuldigungen wegen angeblicher Missionierungsaktivitäten unter zunehmenden Druck von gesellschaftlichen Gruppen. Dies äußert sich nicht nur in körperlichen Angriffen, sondern auch durch Denunzierungen in den Medien, durch Drohungen sowie Beschlagnahmung von Eigentum von Christen. Christen wird deutlich gemacht, dass sie in einzelnen Dörfern und Bezirken unerwünscht sind. Frauen werden vergewaltigt, um die Christen einzuschüchtern oder zu zwingen, zum Hinduismus zurückzukehren. Polizisten teilen Christen in einigen Fällen unter der Hand mit, dass sie aufgrund des Drucks von Hindu-Nationalisten keine Ermittlungen aufnehmen können.
Verfolgung auf dem Land
Die Verfolgung von Christen in Indien trifft besonders die auf dem Land lebenden Christen. Die meisten der Millionen indischen Christen leben in ländlichen Gegenden und gehören meist zu den Dalit (zur untersten Stufe des hinduistischen Kastensystems, den "Unberührbaren"), zur Stammesbevölkerung oder zu einer ethnischen Minderheit. Abgesehen von gewalttätigen Angriffen, die von extremistischen Hindus angezettelt und ausgeführt werden, wird Christen auf dem Lande oft die Benutzung der gemeinsamen Teiche, Brunnen, Weidegründe für das Vieh oder der Zugang zu Schulen verwehrt.
Druck durch Dorfälteste
Indische Dörfer werden von Mukhiyas, Dorfoberhäuptern, geleitet, die den als Panchayats bekannten Dorfgerichten vorstehen. Sie werden vor Ort gewählt und bestehen im Allgemeinen aus Angehörigen hoher Kasten. Nach einem ungeschriebenen Verhaltenskodex wird erwartet, dass Dorfbewohner sich bei Streitigkeiten oder Straftaten eher an die Panchayats als an die Polizei wenden. Wenn die Antragsteller aber Christen sind, bekommen sie wegen ihres meistens relativ niedrigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Standes kein Recht zugesprochen.
Panchayats üben Druck auf konvertierte Familien aus, sich vom Christentum abzuwenden. Falls diese sich weigern, werden sie häufig ausgegrenzt oder vertrieben. Die meisten Dörfer haben sich Hindu-Gottheiten als Beschützer gewählt und befürchten Katastrophen, falls diese nicht entsprechend verehrt werden. Daher gelten Christen als Feinde, weil sie nicht an den hinduistischen Ritualen und Festen teilnehmen und dadurch Strafen der Götter auf das Dorf ziehen.
Zudem gibt es wachsende Spannungen zwischen Muslimen und Christen in den Staaten Kerala, Kaschmir und Assam. In bestimmten Regionen stellen maoistische Aufständische und buddhistische Fundamentalisten ebenfalls eine Bedrohung für Christen dar – ein kleiner, aber zunehmender Trend.
Schutz von Christen
Indische Christen besitzen oft kein Eigentum und sind wenig gebildet. Sie können sich ihren Lebensunterhalt nur als ungelernte Arbeiter verdienen – häufig auf den Feldern von Hindus aus hohen Kasten. Ein Eingreifen der Regierung wäre erforderlich, um die soziale Isolation und die wirtschaftliche Lage dieser Christen zu verändern.
Open Doors unterstützt und stärkt Christen in Indien u.a. mit...
- Glaubenskursen, Schulungen und Seminaren für den Umgang mit Verfolgung und Benachteiligung
- der Ausbildung von Mitarbeitern für den Gemeindedienst
- Bibeln für Erwachsene und Kinder
- theologischer Basisliteratur für Pastoren für ihren Gemeindedienst (Bibliotheken)
- Projekten zur Existenzsicherung (Hilfe zur Selbsthilfe)
- Berufsausbildungs- und Alphabetisierungsprogrammen
- Initiativen zur Vernetzung christlicher Gemeinden
- Informationen und Gebetsaufrufen in der "freien Welt" für Christen in Indien
Christenverfolgung heute - Wie Sie sich aktiv für verfolgte Christen einsetzen können, erfahren Sie hier...
Möglichkeiten