Obwohl die Landesverfassung das Recht zur freien Religionsausübung vorsieht, sind indische Christen seit Jahren Angriffen gewalttätiger Hindu-Extremisten ausgesetzt. Außerdem wird ihre Religionsfreiheit in einigen Bundesstaaten durch Antibekehrungsgesetze beschnitten. Christen werden von militanten Hindu-Milizen bedroht. Besonders im Bundesstaat Orissa kommt es immer wieder zu heftigen Ausschreitungen, bei denen Kirchen zerstört, Christen ermordet und Häuser und Geschäfte von Christen niedergebrannt werden.
Antibekehrungsgesetze
Inzwischen sind in mehreren Bundesstaaten sogenannte Antibekehrungsgesetze verabschiedet worden. Sie sollen vor allem Übertritte von Hindus zu anderen Religionen einschränken. Die Gesetze bedrohen Menschen, die vom Hinduismus zu einer anderen Religion wie etwa dem Christentum übertreten. Mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe können demnach "Bekehrungsaktivitäten" geahndet werden. Allerdings werden die Gesetze nur auf Personen angewendet, die vom Hinduismus zu einer anderen Religion wechseln. Wer zum Hinduismus übertritt, bleibt von einer möglichen Bestrafung unberührt. "Antikonversionsgesetze" gibt es in Orissa, Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Arunachal Pradesh, Gujarat, Rajasthan und Himachal Pradesh.
Schikane und Willkür
Auf das Gesetz beruft man sich vielerorts willkürlich. So reicht etwa die bloße Beschuldigung, ein Christ wolle Hindus mit finanziellen Anreizen zur Bekehrung verlocken bzw. zwingen oder würde die religiösen Gefühle eines Hindus verletzen, für eine Verhaftung oder eine Geldstrafe.
Christliche Organisationen und Menschenrechtsorganisationen befürchten, dass die Antibekehrungsgesetze es Hindu-Extremisten leicht machen, christliche Mitarbeiter unter falschen Beschuldigungen anzuzeigen. Jede christliche Sozialarbeit unter Menschen eines anderen Glaubens könnte als "Verlockung" bezeichnet werden.
Hindupartei forciert Rückbekehrungszeremonien
Bei der Definition von "Zwang" spricht das Gesetz u. a. von der "Drohung mit dem göttlichen Unwillen", wodurch jede christliche Schrift verboten werden könnte, in der von Himmel und Hölle sowie den Folgen der Sünde und der Verwerfung Christi die Rede ist. Extremisten wie die Anhänger der nationalistischen Organisation "Rashtriya Swayamsevak Sangh" (RSS) halten "Rückbekehrungs"- oder "Heimkehr"-Zeremonien ab, um Christen zum Religionswechsel zu bringen. Damit wird die Bekehrung zum Hinduismus anders behandelt als die zum Christentum, obwohl in der indischen Verfassung Gleichheit vor dem Gesetz verankert ist.
In den Bundesstaaten, die von hindu-nationalistischen Regierungen wie der Hindupartei BJP (Bharatiya Janata Party) oder ihren politischen Verbündeten kontrolliert werden, hat die Gewalt gegen Christen in den vergangenen Jahren zugenommen.
Gesellschaftliche Diskriminierung
Christen geraten aufgrund von Beschuldigungen wegen angeblicher Missionierungsaktivitäten unter zunehmenden Druck. Dies äußert sich in körperlichen Angriffen, Denunzierungen in den Medien, Drohungen, Beschlagnahmung von Eigentum von Christen etc. Frauen werden vergewaltigt, um die Christen einzuschüchtern oder zu zwingen, zum Hinduismus zurückzukehren.
Verfolgung auf dem Land
Die Verfolgung von Christen in Indien trifft besonders die auf dem Land lebenden Christen. Von den rund 25 Millionen christlichen Indern leben etwa 16 Millionen in ländlichen Gegenden und gehören meistens zu den Dalits (zur untersten Stufe des hinduistischen Kastensystems, den "Unberührbaren") oder zu einer ethnischen Minderheit.
Vergewaltigungen von Christinnen
Abgesehen von gewalttätigen Angriffen, die von extremistischen Hindus angezettelt und ausgeführt werden, wird Christen auf dem Lande oft die Benutzung der gemeinsamen Teiche, Brunnen, Weidegründe für das Vieh oder der Zugang zu Schulen verwehrt. Manchmal vergewaltigen Dorfbewohner Christinnen, um sie einzuschüchtern. Die geschändeten Frauen, darunter viele Analphabetinnen, erstatten aus Angst oder aus Scham häufig keine Anzeige. Nachdem zwei Christinnen mehrfach vergewaltigt wurden, forderte das Oberhaupt des Dorfes und weiterer elf Dörfer die Christen auf, ihren Glauben zu verleugnen oder das Dorf zu verlassen. Er drohte damit, jeden aus dem Dorf zu jagen, der bei der Polizei Anzeige erstattet.
Druck durch Dorfälteste
Indische Dörfer werden von Mukhiyas, Dorfoberhäuptern, geleitet, die den als Panchayats bekannten Dorfgerichten vorstehen. Sie werden vor Ort gewählt und bestehen im Allgemeinen aus Angehörigen hoher Kasten. Nach einem ungeschriebenen Verhaltenskodex wird erwartet, dass Dorfbewohner sich bei Streitigkeiten oder Straftaten eher an die Panchayats als an die Polizei wenden. Wenn die Antragsteller aber Christen sind, bekommen sie wegen ihres meistens relativ niedrigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Standes kein Recht zugesprochen.
Panchayats üben Druck auf konvertierte Familien aus, sich vom Christentum abzuwenden. Falls diese sich weigern, werden sie häufig ausgegrenzt oder vertrieben. Die meisten Dörfer haben sich Hindu-Gottheiten als Beschützer gewählt und befürchten Katastrophen, falls diese nicht entsprechend verehrt werden. Daher gelten Christen als Feinde, weil sie nicht an den hinduistischen Ritualen und Festen teilnehmen und dadurch Strafen der Götter auf das Dorf ziehen.
Schutz von Christen
Indische Christen besitzen oft kein Eigentum und sind wenig gebildet. Sie können sich ihren Lebensunterhalt nur als ungelernte Arbeiter verdienen – häufig auf den Feldern von Hindus aus hohen Kasten. Ein Eingreifen der Regierung wäre erforderlich, um die soziale Isolation und die wirtschaftliche Lage dieser Christen zu verändern.