Es werden hitzige Diskussionen darüber geführt, ob und, wenn ja, wieweit sich die Lage der Christen wirklich verbessert hat. Während einige Kommentatoren die Verfolgung als beendet sehen, sind andere der Meinung die Lage habe sich sogar verschlechtert. Die Wahrheit ist eine Mischung aus beidem.
China ist immer noch ein Einparteienstaat mit einer Regierung, die den meisten Christen nicht ihre vollen religiösen Rechte gewährt. Selbst denjenigen, die staatlich anerkannte Drei-Selbst-Patriotischen-Kirchen besuchen, ist die Ausübung ihres Glaubens nur innerhalb der genehmigten Kirchengebäude erlaubt. Das Christentum setzt sein schnelles Wachstum im heutigen China fort. Offiziellen Angaben aus dem Jahr 2011 zufolge gehören 23 Millionen Christen der staatlich anerkannten registrierten chinesischen protestantischen Kirche (Drei-Selbst-Patriotische Kirche) an. (Anm. Die römisch-katholische Kirche – verbunden mit Rom – existiert nur im Untergrund.) Darüber hinaus gebe es zwischen 40 und 50 Millionen nicht registrierte Christen (Hausgemeindechristen). Einige andere Schätzungen liegen weit höher. Open Doors geht von insgesamt 80 Millionen Christen in China aus.
Positive Entwicklungen
In der Verfassung Chinas ist sowohl die Freiheit religiöser Ansichten vorgesehen, als auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören. Doch die Glaubensfreiheit, die in westlichen Gesellschaften zu den Grundrechten gehört, gilt nicht in gleicher Weise für die Menschen in China. Allerdings hat es in den vergangenen drei Jahrzehnten bemerkenswerte Fortschritte hinsichtlich der Religionsfreiheit in China gegeben.
Weiterhin offiziell erlaubt sind in China nur die protestantische Drei-Selbst-Patriotische-Kirche sowie die Katholisch-Patriotische Vereinigung (nicht mit Rom verbunden). Diese sind registriert und stehen daher zu einem gewissen Maß unter staatlicher Kontrolle. Hausgemeinden verbleiben somit im Stand der Illegalität, weshalb sie geschlossen werden können. Der Verfolgungsdruck bzw. die Repressalien sind sehr verschieden und unterscheiden sich je nach Gebiet.
Grundsätzlich hat sich für Mitglieder der registrierten Kirche die Glaubensausübung bzw. ihre Religionsfreiheit verbessert. Sie feiern ungestraft Gottesdienste und haben Zugang zu Bibeln. Hausgemeindechristen, -pastoren oder -leiter können jedoch weiterhin Repressalien durch Behörden erfahren. Die Strafen für die "illegale" Religionsausübung und Bibelverteilung etc. reichen von Schikane, Verhaftung und Folter bis hin zur Einweisung in ein Umerziehungslager. Außerhalb registrierter Kirchen zu evangelisieren, ist verboten. Offiziell verbietet es die Zentralregierung Eltern und Erziehungsberechtigten nicht, Minderjährigen das Evangelium zu verkünden. Doch auf lokaler Ebene kann es zu Restriktionen kommen. Bei vielen Hausgemeindetreffen, Taufgottesdiensten und Schulungen sind staatliche Sicherheitsbeamte anwesend.
Mehr als 450 ausländische kirchliche Organisationen und Gruppen sind heute in China aktiv. Viele christliche Arbeitgeber halten mit ihren Fabrikangestellten Bibelstunden ab. Einige christliche Netzwerke bieten humanitäre Hilfe an. Überall im Land entstehen christliche Buchläden. Für Millionen von Christen, wenn auch nicht für alle, ist durch das Internet ein noch nie dagewesener Zugang zu Predigten, Bibelübersetzungen und sogar zu interaktivem Gebet und Seelsorge möglich.
Regierung zeigt Dialogbereitschaft mit Hausgemeinden
Zudem berichten Informanten aus dem Netzwerk von Open Doors, dass Regierungsvertreter einen offenen Dialog mit ausgewählten Hausgemeindeleitern geführt haben, was viele Christen hoffen lässt, dass die Regierung "endlich versteht, dass Hausgemeinde-Christen keine politische Bedrohung für den Staat sind". Es gibt außerdem Anhaltspunkte dafür, dass die Regierung Partner finden muss für den Umgang mit dem moralischen Vakuum, das sich infolge der "kapitalistischen Vetternwirtschaft", der Korruption und der gesellschaftlichen Ungleichheit in China entwickelt. Möglicherweise zieht die Regierung christliche Kirchen als solche wertvollen Alliierten in Betracht.
Dritte Kirche in China
Die Verstädterung Chinas hat neben den staatlichen Kirchen und den Hausgemeinden im Allgemeinen noch einen weiteren Typus von nicht-anerkannten Hausgemeinden hervorgebracht: die sogenannte "Dritte Kirche". Hierbei handelt es sich um meist gut ausgebildete urbane Christen, häufig in gehobenen beruflichen Positionen. Auch diese Gemeinden haben - da offiziell nicht erlaubt - mit behördlicher Willkür zu rechnen. Ein Beispiel ist die Shouwang-Hausgemeinde in der Hauptstadt Peking. Zu ihren Mitgliedern gehören u.a. Universitätsprofessoren, Ärzte oder Anwälte. Diese "Dritte Kirche"-Bewegung gehört zu den am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinschaften in China. Die ihr angehörenden Kirchen streben in ihrem Gottesdienst und ihrem Verhältnis zum Staat eine größere Offenheit an und verpflichten sich zum Engagement für die Bedürfnisse der Gesellschaft. Um staatliche Einmischung zu vermeiden, begrenzen sie ihre Versammlungsgröße bei Gottesdiensten auf 200 Besucher, obwohl viele von ihnen in Großstädten für sonntägliche Treffen große Räumlichkeiten für viel mehr Besucher anmieten.
Willkür und Schikane
Doch trotz aller Verbesserungen sind besonders auf dem Land arme Christen etwa der Schikane korrupter Behörden unterworfen, die beispielsweise Bußgelder für die Freilassung eines inhaftierten Hausgemeindepastors fordern. In manchen Gebieten werden Hausgemeinden von den Behörden toleriert, in anderen Gebieten jedoch kann es passieren, dass die Leiter von Hausgemeinden verhaftet, geschlagen, eingesperrt und die Treffen unterbunden werden. Dies gilt besonders in Gebieten, in denen ethnische Minderheiten leben. Dem Staat geht es vor allem darum, die Kontrolle zu behalten. Von Zeit zu Zeit werden in nicht-registrierten Gemeinden auch Razzien durchgeführt. Diese werden durchaus von ranghohen Beamten initiiert, normalerweise vor größeren Ereignissen nationaler oder internationaler Art.
Haftstrafen für christliche Leiter
Noch immer verhaften die Behörden Mitglieder von Hausgemeinden und gehen besonders gegen die "Köpfe" von Hausgemeindebewegungen vor. Pastoren und Gemeindeleiter werden verhaftet, gefoltert und gedemütigt. Manchmal bleibt der Aufenthaltsort der Gefangenen unbekannt. Verurteilte werden häufig in weit entfernte Gefängnisse verlegt, was es ihren Angehörigen schwer macht, sie zu besuchen. Besonders in ländlichen Gebieten kommt es zu Verhaftungen. Polizisten sehen eine Einnahmequelle darin, von verhafteten Christen hohe "Bußgelder" für deren Freilassung zu erpressen. Werden Pastoren oder Hausgemeindeleiter verhaftet, kann ihnen auch die Einweisung in ein Umerziehungslager drohen. Diese Arbeitslager bzw. Umerziehungslager gibt es im ganzen Land. Mehrere hunderttausend Menschen - darunter Hausgemeindechristen, Regimekritiker, Menschenrechtler - in solchen Haftanstalten sein.
Fortschritte beim Bibeldruck
Repräsentanten der staatlich anerkannten Drei-Selbst-Patriotische-Kirchen sagen, dass es in China genügend Bibeln für die Christen gäbe. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Obwohl mit der Amity Printing Company in Nanjing seit einigen Jahren die weltgrößte Bibeldruckerei steht, herrscht ein immenser Bedarf an Bibeln, altersgerechten Kinderbibeln und Studienmaterialien unter den über 80 Millionen Christen, von denen die meisten zu nichtregistrierten Hausgemeinden gehören. Viele können sich keine Bibel leisten oder leben auf dem Land ohne Zugang zu Bibeln. Durch das Wachstum der Gemeinde Jesu in China steigt der Bedarf an Bibeln, christlicher Literatur oder Schulungen. Manchmal gibt es in einer großen Hausgemeinde nur eine einzige Bibel. Auch der Bedarf an Bibeln in anderen Sprachen, etwa für die ethnischen Minderheiten, ist groß. Jeglicher Bibeldruck außerhalb der staatlich genehmigten Druckerei der Drei-Selbst-Patriotische-Kirchen ist verboten. Die staatliche überwachte Bibelproduktion kann den Bedarf der schnell wachsenden Kirche allerdings nicht decken. Es mangelt besonders an weiterführenden theologischen Studienbüchern und -materialien.
Die staatliche Amity Printing Company produzierte seit ihrer Gründung im Jahr 1988 etwa 80 Millionen Bibeln und Neue Testamente. Die meisten der Bibeln werden in anderen Sprachen gedruckt und in mehr als 60 Ländern exportiert. Die anderen Bibeln werden zu einem meist erschwinglichen Preis durch offizielle Kirchen verkauft und haben den Bedarf in den Städten im Allgemeinen gedeckt. Auch Christen von Hausgemeinden waren in der Lage, diese Bibeln zu kaufen. Ebenso gibt es viele religiöse Bücher. Diese sind von akademischen Verlagen und Verlagsgesellschaften, die durch ausländische christliche Gruppen entstanden sind, herausgegeben worden.
Mangel an christlicher Literatur
Doch in den ländlichen Gebieten, in denen 70 bis 80 Prozent der Christen zu Hausgemeinden gehören, gibt es weiterhin einen beträchtlichen Mangel an christlicher Literatur. Oft haben Dorfbewohner nicht die Möglichkeit, in Städte zu reisen, um Bibeln zu kaufen oder können sich diese ohnehin nicht leisten. Andere Gläubige ziehen es vor, Bibeln nicht durch die Kanäle der staatlich registrierten Kirche zu kaufen, aus Angst, dass sie vielleicht aufgefordert werden, Informationen über die Mitglieder oder Mitgliederzahlen ihrer Hauskirche zu enthüllen.
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