Bereits vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert n. Chr. war der christliche Glaube in der Region die dominierende Religion. Doch mit der Islamisierung ging die Zahl der Christen erheblich zurück. Das islamische Rechtssystem gewährte Juden und Christen, als Anhänger einer "Buchreligion", den Dhimmi-Status. "Dhimmis" waren nicht gleichrangig mit Muslimen, sondern lediglich Schutzbefohlene, die für ihren Status eine Art Schutzsteuer zu zahlen hatten und sich selbstverständlich loyal gegenüber der muslimischen Mehrheit verhalten mussten. Offiziell gibt es den "Dhimmi"-Status für Christen in Ägypten nicht mehr, jedoch hat sich über die Jahrhunderte hinweg - sowohl bei Christen als auch in Teilen der muslimischen Gesellschaft - diese Klassen-Gesellschaft in das Denken und Handeln der Menschen eingeprägt. Zwar wird Christen innerhalb ihrer Glaubensgruppe ein gewisses Maß an Freiheit zugestanden, doch im öffentlichen Leben wie auch im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt werden sie benachteiligt. Christen gelten als Bürger 2. Klasse, als geduldete Minderheit und sehen sich häufig selbst auch so.
Kein "arabischer Frühling" für Christen
Ägypten ist die Heimat von ungefähr zehn Millionen Christen - das sind etwa drei Viertel aller Christen des Nahen Ostens. Zwischen dieser großen christlichen Minderheit und der muslimischen Mehrheit hat es von jeher Spannungen gegeben. Doch die Revolution, die zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak führte - er trat am 11. Februar 2011 zurück - vereinte Muslime und Christen im Widerstand gegen einen verhassten Diktator. Gemeinsam forderten sie ein Ende der Korruption sowie ein Lösungskonzept für die strukturelle Armut und die hohe Arbeitslosigkeit. Mit den Umsturzbewegungen haben insbesondere auch Christen auf mehr Freiheit gehofft. Doch sie scheinen die Verlierer des "arabischen Frühling" zu sein. Denn gerade nach dem Umsturz haben die Angriffe auf koptische Kirchen zugenommen. Radikale islamische Fundamentalisten sehen in der gegenwärtigen Situation ihre Gelegenheit, politisch Fuß zu fassen. Die Muslimbruderschaft, die dschihadistische "Gamaa Islamiyya" und die salafistische Bewegung "Ansar al-Sunna" präsentieren sich auf öffentlicher Bühne. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung wollen islamistische Gruppen die künftige Entwicklung im Land mitbestimmen. Ultra-konservative Salafisten, die für eine strenge Form und konsequente Anwendung islamischer Gesetze wie in der Frühzeit des Islam eintreten, schüchtern vermehrt einheimische Christen ein. Sie blockieren Kircheneingänge und fordern, dass Kirchen aus den Kommunen ausgelagert oder Instandsetzungen von Kirchen verboten werden.
In den letzten Jahren ist sind traditionelle koptische Kirchen immer wieder zur Zielscheibe von Übergriffen geworden, u. a. in Form von Ermordungen durch radikale Islamisten und Erpressung von "Schutzgeldern". Genehmigungen für den Bau und die Instandsetzung von Kirchengebäuden werden von den regionalen Behörden nur verzögert erteilt.
Kein Religionswechsel für Muslime
In Ägypten ist der Islam Staatsreligion. Ägyptische Christen genießen offiziell zwar Religionsfreiheit, jedoch keine Missionsfreiheit. Ägyptische Muslime dürfen ihren Glauben nach offizieller islamischer Rechtsauffassung nicht wechseln. Obwohl das ägyptische Recht den Übertritt vom Islam zum Christentum nicht verbietet, ist die Möglichkeit einer offiziellen Anerkennung der Konversion nicht vorgesehen. In Ägypten kann ein Christ zwar zum Islam konvertieren. Muslime jedoch, die Christen geworden sind, haben keine rechtliche Möglichkeit, den Religionseintrag in ihren Ausweisen von "Muslim" zu "Christ" ändern zu lassen. Der Eintrag führt nicht nur zu alltäglichen Diskriminierungen von Christen, sondern auch zu Problemen, wenn ein Muslim zu einer anderen Religion, etwa dem Christentum, übergetreten ist. Christen, die versucht haben, die Änderung in Ausweis gesetzlich durchzusetzen, hatten damit keinen Erfolg. Zudem sahen sie sich Todesdrohungen ausgesetzt und mussten in den Untergrund gehen. Ein weiteres Problem ist, dass eine Konversion die Religionszugehörigkeit der Kinder konsequenterweise unberührt lässt. Neugeborene erhalten häufig überhaupt keine Ausweisdokumente, wenn die Eltern sich weigern, ihr Kind als "Muslim" eintragen zu lassen. Ein Grund für die Schwierigkeiten ist die Scharia (das islamische Recht). Viele muslimische Gelehrte leiten daraus ab, dass das Verlassen des Islam ein todeswürdiges Verbrechen ist. Nach Artikel 2 der ägyptischen Verfassung ist die Scharia Grundlage aller Gesetze. Zwar ist der Religionswechsel für Muslime in Ägypten nicht ausdrücklich verboten, doch Muslime, die zum Christentum konvertierten, sind oft zu einem Doppelleben gezwungen. Um Verfolgung durch ihre Verwandtschaft und die Polizei zu vermeiden, verbergen sie ihren Glauben. Muslime, die zum Christentum übertreten, gelten als Abtrünnige und leiden unter andauernder Verfolgung, von allgemeiner gesellschaftlicher Diskriminierung über Verhaftung bis hin zu Folter.
Entführungen von Christen
Es gibt nach wie vor Berichte über Zwangsbekehrungen christlicher Mädchen durch Entführung, Vergewaltigung und Zwangsheirat. Werden ausländische Christen während eines Besuchs im Land für ihren Glauben aktiv, müssen sie mit Schikanen, Verhaftung und Ausweisung rechnen. Beziehungen zwischen Muslimen und Christen, die in Ägypten bei beiden Religionsgemeinschaften ein Tabuthema sind, haben in den letzten Jahren oft Spannungen ausgelöst.
Kopten behaupten, dass junge Christinnen regelmäßig entführt und gezwungen werden, zum Islam überzutreten, was oft schwer nachzuweisen ist. Kritiker sagen dagegen, die Frauen würden möglicherweise freiwillig gehen, um der Armut und einer schwierigen Familiensituation zu entrinnen. Andererseits diskriminiert das ägyptische Recht Nichtmuslime: Christen dürfen offiziell keine Muslima heiraten (während Muslime Christinnen heiraten dürfen).
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